Bosaso. Endlich raus hier. Nach fünf Tagen in der somalischen Piratenhochburg Bosaso, die mit ihrem Frust, der Abzocke und - zugegeben - auch der Furcht zu den dunkelsten Kapiteln meines 52-jährigen Lebens zählten. Die Motoren der archaischen russischen Antonow brummen auf, die Piloten ziehen die Maschine in die Höhe, ich schließe die Augen und atme auf.
Sekunden später: lautes Geschrei. Vorne in der Kabine ist ein Mann aufgesprungen. Er schreit auf Somali mir unverständliche Sätze und fuchtelt mit etwas in der Hand herum: Es ist, auch beim zweiten Mal Hinsehen, eine Pistole.
Kein Film, meldet mein Kopf, das ist echt. Man braucht kein Somali zu verstehen, um zu wissen, dass wir gerade entführt werden. Zum Thema Flugzeugentführungen meldet mein Kopf: Tagelanges Warten in brütender Hitze, Nerventerror, psychische, vielleicht auch physische Gewalt.
Möglicherweise handelt es sich bei dem Entführer um ein Mitglied der berüchtigten somalischen Islamistengruppe al-Schabab, dann steht den beiden Europäern unter den rund 40 Fluggästen - meinem Kollegen Arne Perras von der Süddeutschen Zeitung und mir - Scheußliches bevor.
Wie betet man?
Ein Schuss fällt. Mein Atem stockt. Schüsse im Flugzeug in der Luft: Das muss das Ende sein. Was vorne vor sich geht, kriege ich in der zehnten Sitzreihe nicht genau mit. Seit dem Schuss verstecke ich mich hinter dem Vordersitz. Später erfahre ich, dass die Entführer - der lange Mann mit dem blauen Hemd hatte offenbar noch einen Komplizen - versuchen, ins Cockpit einzudringen.
Um dem Grund des Geschreis nachzugehen, hatte der ukrainische Flugingenieur offenbar die Tür zur Kabine geöffnet und - als er sich dem Pistolenmann gegenüber sah - sie schnell wieder zu gerissen. Gerade noch rechtzeitig. Der Entführer schießt in Kopfhöhe in die Stahltür.
Die Männer, werde ich später erfahren, wollen nach Las Qoray - ein Küstenstädtchen knapp 15 Flugminuten von Bosaso entfernt. Doch der Chefpilot beschließt, nach Bosaso zurückzukehren, und dreht ab. Mehr Geschrei. Kinder heulen. Männer schreien die Entführer an, die schreien zurück. Frauen schreien Gebete.
Wie betet man? Bei uns zu Hause fing man damals mit "Lieber Gott" an. Wie aber geht es weiter? Flugzeugentführungen müssen nicht unbedingt tödlich verlaufen, beruhigt mich mein Kopf. Sie können auch glimpflich enden. Übermorgen hat mein Sohn seinen zwölften Geburtstag, und meine siebenjährige Tochter braucht mich noch. Wenn mich jemand braucht, dann sie. Ich kann sie nicht alleine lassen.
Schreie oder Verhandlungen
Wieder fallen Schüsse, vier, fünf, sechs. Menschen rennen durch die Kabine. Ein junger Mann wirft sich auf den freien Platz neben mir. Wir tauchen beide ab, so tief es geht. Offenbar haben die Entführer mitbekommen, dass der Pilot nach Bosaso zurückkehren will, und schießen wütend in die Cockpit-Tür. Die Maschine dreht leicht ab. Wurde der Pilot getroffen? Unter uns schimmert das Meer.
Hinter mir ist eine junge Frau mit schwarzem Schleier und von Tränen nassem Gesicht aufgesprungen und schreit. Neben ihr steht der Steward und schreit lauter. Ich signalisiere, dass sie ruhig sein sollen: Mein Verstand sagt mir, dass Schreien die Entführer nur noch verrückter macht.
Ich habe keine Ahnung, dass der Steward in Wirklichkeit gerade mit dem Luftpiratenchef verhandelt. Dass in diesem Geschrei bedeutungsvolle Worte gewechselt werden, ist mir unvorstellbar. Während des gesamten, wohl knapp halbstündigen Dramas verstehe ich kein Wort, weiß nicht wirklich, worum es eigentlich geht. Vielleicht ist das auch gut so.


Zur Arbeit des Journalisten
Seit über zwei Jahrzehnten berichtet Johannes Dieterich, 52, aus Afrika. Seit acht Jahren lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Johannesburg.
Somalia hat er schon mehrfach besucht. Als erster deutscher Journalist reiste er im Januar 2006 in das Küstenstädtchen Eyl, das als Hochburg der Piraten gilt. In seinen Reportagen beschrieb er den Zusammenhang zwischen der Entstehung der Seeräuberei und den Verletzungen der somalischen Hoheitsgewässer durch ausländische Fischerflotten. Die Fischer von Eyl sahen sich nicht grundlos ihrer Lebensgrundlage beraubt.
Dieses Mal recherchierte er dazu, wie die Selbstbehauptung der Fischer zu organisierter Kriminalität verkommen ist. Sein Bericht wird kommende Woche in der FR erscheinen. Die Reise war seit Monaten vorbereitet und mit der somalischen Regierung abgesprochen, die extra rund um die Uhr Sicherheitsleute abstellte. Der Schutz endete allerdings auf dem Flughafen. Ein Flugzeug hatten Piraten noch nie gekapert. (fr)
Die Piloten ändern immer wieder den Kurs. Jetzt sieht es so aus, als ob wir landen würden: Ich habe keine Ahnung wo. Bosaso verfügt lediglich über eine Sandpiste: Wir könnten genauso gut hier wie irgendwo in der Pampa sein. Später wird erzählt, der Entführer habe am Handy seine am Boden in Las Qoray wartenden Genossen gefragt, ob sie uns bereits sehen können. Die sagen Nein. Doch ein Mullah mit Bart und weißem Käppchen schwört den Entführern auf den Koran, dass wir tatsächlich in Las Qoray und nicht in Bosaso seien.