Wieder kein Sieg, aber noch mehr Ärger - der FC Bayern München wird zum Tollhaus. Mit Vorstands-Kritiker Philipp Lahm und Stadion-Flüchtling Luca Toni machte der Fußball-Rekordmeister am Sonntag kurzen Prozess - beide wurden zu Geldstrafen verdonnert.
Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge und Trainer Louis van Gaal zitierten die beiden Profis am Sonntagmorgen noch vor dem Training zum Rapport, sprachen auch in der Kabine zur gesamten Mannschaft.
Es herrscht Alarm an der Säbener Straße. Lahm traf es nach seiner in der "Süddeutschen Zeitung" (Samstag) geäußerten Fundamentalkritik an den Club-Bossen, aber auch an Trainer und Teamkollegen härter als Toni. Der Vize-Kapitän habe in "eklatanter und unverzeihlicher Art und Weise gegen interne Regeln verstoßen", erklärte der Vorstand und sprach von einem Tabu-Bruch. Darum wurde Lahm "mit einer Geldstrafe belegt, wie es sie in dieser Höhe beim FC Bayern noch nicht gegeben hat", so Rummenigge. Die Strafe müsste über 50.000 Euro liegen.
"Empfindlich" soll die Buße für Spitzenverdiener Toni sein, dem eine "unakzeptable Disziplinlosigkeit" vorgeworfen wurde. Toni habe sich inzwischen beim Club und seinen Teamkollegen entschuldigt, von Lahm wurde Ähnliches in der Presse-Erklärung nicht überliefert. Der Vorstand ging auch weiterhin nicht inhaltlich auf Lahms Aussagen ein.
Der italienische Ex-Torjäger hat am Samstag einen Alleingang gestartet, freilich ohne Lahms Blick aufs große Ganze. Der Italiener reagierte auf die Auswechslung zur Pause auf seine Weise und verließ frisch geduscht die Arena, als die Bayern dank des für Toni eingewechselten Tempodribblers Arjen van Robben nach einer Stunde Spielzeit drauf und dran waren, erneut in Führung zu gehen - Debütant Joel Matip (siehe "Volltreffer") hatte für Schalke in der 43. Minute das durch den bayerischen Ersatztorjäger Daniel van Buyten zwölf Minuten zuvor erzielte 1:0 ausgeglichen.
Wann immer sich Hoeneß selbst angegriffen fühlt, beißt er reflexartig zurück. Deshalb auch kein Wort dazu, dass Lahm mit seiner Kritik Recht haben könnte, wonach der FC Bayern konzeptionslos Weltklassespieler verpflichte, weil es dem Klub an einer Spielphilosophie fehle. "Vereine wie Manchester oder Barcelona geben ein System vor - und dann kauft man Personal für dieses System. So etwas gibt es bei uns nicht: Dass der Verein etwas vorgibt und alles darauf aufgebaut wird", hatte Lahm geäußert.
Statt einer inhaltlichen Bewertung der Lahm-Aussagen ("van Gaal ist sicher auch manchmal schwierig im Umgang für viele Spieler") kam von Hoeneß also der Hinweis auf die vom Münchner Eigengewächs begangene Todsünde, nämlich ein Interview ohne die Autorisierung durch Bayern-Pressechef Markus Hörwick veröffentlicht zu haben. "Damit hat er eindeutig gegen die Regeln verstoßen", fauchte Hoeneß.
Er finde solche Interviews "grundsätzlich nicht gut", fügte Lahms Lieblingsfeind Mark van Bommel hinzu, und deutlich in Richtung Lahm: "Kein Spieler ist größer als der FC Bayern." Jedes Wort über den Vorfall sei eins zu viel, meinte Mario Gomez nur. Ähnlich äußerte sich Miroslav Klose. Und dass Daniel van Buyten Geschlossenheit anmahnte, lässt durchaus auf teaminterne Bruchstellen schließen. "Wir müssen für den FC Bayern zusammenhalten. Wenn jeder seinen eigenen Weg geht, wird es schwer."
Raus durch Nebenausgang
Den ging Philipp Lahm ganz entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten durch einen Nebenausgang. Der üblicherweise nach Spielen sonst so auskunftsfreudige Außenverteidiger konnte also nicht zur Aufklärung darüber beitragen, ob Hoeneß mit seiner Vermutung recht gehabt hatte, wonach er im Interview "die Handschrift von Roman Grill" sehe. Hoeneß sieht Lahm von dessen Berater fremdgesteuert, was aber selbst im Fall, dass der Manager mit seiner Spekulation richtig läge, nichts an der Richtigkeit der Lahm´schen Analyse ändert. Grill werden Ambitionen als Manager in München nachgesagt. Mit Angriffen gegen die Bayern-Vorstandsriege habe Grill vor der Jahreshauptversammlung der Bayern am 27. November, auf der Hoeneß Franz Beckenbauer als Präsident ablösen wird, für Stimmung sorgen wollen, glauben Münchner Auguren.
Fußball wurde auch gespielt. Die Bayern präsentierten sich v nach der Pause dank der Einwechslung von Arjen Robben (siehe "Voll daneben") besser als gegen Girondins Bordeaux. Sie hatten auch mal wieder 61 Prozent Ballbesitz, konnten aber die von Lahm festgestellten spielerischen Missstände nicht widerlegen. "Im Moment scheinen wir kein Glück zu haben", sinnierte Hoeneß, der "mit dem Ergebnis nicht zufrieden" war, "aber mit dem Spiel". (mit dpa)


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