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Leitartikel

Zensur hilft keinem Kind

PATRICK BEUTH

Zigtausende paranoide Bürger listet der Bundestag derzeit im Internet auf, und stündlich werden es mehr. So jedenfalls muss man die Union verstehen, wenn sie behauptet, nur Verschwörungstheoretiker würden in dem geplanten Gesetz zur Sperrung von Kinderporno-Seiten den Einstieg in die Zensur des Internets sehen.

Doch genau der droht. Denn der Entwurf der Bundesregierung sieht vor, dass das Bundeskriminalamt täglich eine streng vertrauliche Liste von Webadressen erstellt, die umgehend von den Providern gesperrt werden müssen - ohne dass irgendjemand kontrollieren kann, was warum und wie lange auf dieser Liste steht. Dagegen protestieren die mittlerweile weit mehr als 65 000 Mitzeichner einer Online-Petition auf der Webseite des Bundestags.

Man muss keine Horrorszenarien bemühen, um sich die Auswirkungen eines behördlich regulierten Internets vor Augen zu führen. Deutschland wird kein zweites China, mit einer Zensurbehörde, in der 40 000 Mitarbeiter die Netzaktivitäten der Bürger überwachen. Deutschland steckt auch keine kritischen Blogger ins Gefängnis, wie es der Iran tut. Es reicht schon ein Blick in die Türkei, wo die Regierung mal wieder den Zugang zu Youtube blockiert - ohne offizielle Begründung. Mit Verschwörungstheorien hat das nichts zu tun.

Dass die Blockade populärer Webseiten in Deutschland völlig undenkbar ist, glauben nicht einmal die Politiker, die am Gesetzentwurf beteiligt waren: Kaum hatte das Kabinett die Sperren beschlossen, äußerte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries Bedenken, dass die BKA-Liste sehr schnell sehr lang werden und sich schon bald nicht mehr auf kinderpornografische Inhalte beschränken würde. Forderungen, auch ausländische Glücksspielseiten und File-Sharing-Angebote zu sperren, wurden schon nach wenigen Tagen laut. Politiker aller Fraktionen zeigten sich ähnlich besorgt wie Zypries, dass man über das Ziel hinaus schießen könnte. Trotzdem saßen bei der ersten Lesung des Gesetzentwurfs nur etwa zwei Dutzend Abgeordnete im Plenum. Zu groß ist vielleicht die Angst vieler Parlamentarier, im Kampf gegen Verbrechen an Kindern als Saboteure dazustehen, wenn sie vor Eingriffen in die Informationsfreiheit warnen.

Ein rechtsfreier Raum soll das Web aber nicht sein. Was offline verboten ist - ob Kinderpornografie, rechtsradikale Hetze oder Drogenverkauf - muss auch online strafrechtlich verfolgt werden. Das BKA darf im Internet aber nicht Kläger und Richter zugleich sein, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon erfährt. Die geplante Vorhang-Taktik wäre zudem Ressourcenverschwendung. Das Haus eines Kinderporno-Händlers würde die Polizei ja auch nicht nur mit einem Vorhang verhüllen. Ein Stoppschild mit der Aufschrift "Tatort! Eintritt verboten!" vor dem Haus aufzustellen, während hinter dem Vorhang alles weitergeht wie zuvor, ist keine Verbrechensbekämpfung. Sinnvoller wäre es, das BKA mit ausreichend Ermittlern auszustatten, um den Produzenten von Kinderpornos das Handwerk zu legen. Mit der Sperre ist keinem einzigen missbrauchten Kind geholfen.

Je weniger das Internet kontrolliert und reguliert wird, desto wertvoller ist es. Es ist ein Meilenstein für die Demokratie, auch wenn sein Potenzial erst in Ansätzen genutzt wird. So wie beim Protest gegen den Gesetzentwurf: Die Petition der Netzaktivisten wäre ohne das Internet wohl kaum so erfolgreich, kräftig dafür getrommelt haben vor allem Blogger und Online-Medien. Die Diskussion um die technischen Unzulänglichkeiten der Sperren, die selbst von Laien in wenigen Sekunden umgangen werden können, wird in erster Linie online vorangetrieben. Und zwar von denen, die mit dem Netz so umgehen, wie es künftig jede Generation tun wird: jederzeit, überall, in einer Geschwindigkeit und mit Detailkenntnissen, denen Lehrer, Eltern, Behörden und Gesetzgeber noch weitgehend macht- und ahnungslos gegenüber stehen.

Mit den negativen Seiten (im Wortsinn) muss man leben lernen. Es wird immer Webseiten geben, deren Inhalte viele Menschen anstößig finden. Das Internet bildet in seiner gewaltigen Vielfalt eben die gesamte Gesellschaft mit all ihren düsteren Nischen ab. Ein Vorhang aber, der diese und bald auch andere, möglicherweise legale Nischen bedeckt, nimmt dem Internet sein einzigartiges demokratisches Potenzial. Wer mehr Information, mehr Teilhabe, mehr Meinungsäußerung will, der muss die Medienkompetenz der Nutzer stärken, nicht das Medium schwächen.

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Dokument erstellt am 10.05.2009 um 17:24:02 Uhr
Letzte Änderung am 14.05.2009 um 18:13:00 Uhr
Erscheinungsdatum 10.05.2009
Kommentare
1. Sperrung von Internet-Seiten
Hab das Gefühl, dass da seit langem der falsche Weg gegangen wird. Würde mir nämlich selbst mal gerne anschauen, was denn da auf diesen Kinderporno-Seiten alles gezeigt wird. Tue das aber nicht, weil es halt verboten ist. Also lasse ich die Finger davon.
Der umgekehrte Weg ( wenn ich also völlig frei auf diese Seiten gehen könnte ) würde mir Einblick in eine "Szene" verschaffen, und somit wäre ich anschliessend auch darüber informiert, welche Schweinereien dort mit Kindern betrieben werden. Und so wie ich, wären dann mehr und mehr Leute genauestens hierüber informiert.....letztendlich Millionen von Bundesbürgern. Und somit würde das Ganze zu einem gesellschaftlichen Thema werden. Und genau das ist es doch was fehlt !!!
LLotti



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2. Sperrung von Internet-Seiten
Dasjenige, was die Bundesregierung da vor hat, ist doch tatsächlich nichts anderes als einen Vorhang über alles zu hängen. Das heisst, wenn sie wirklich daran interessiert wäre gegen Kinderpornographie was zu unternehmen, so müsste sie doch den umgekehrten Weg gehen. Die Bürger also auffordern !!! "Geht hin und schaut euch mal an, was da an Schweinereien abgeht !" Und explizit diese Seiten sogar benennen ! Die in dieser "Szene" doch sowieso jeder kennt. Und dann würden vermutlich auch Millionen den Atem anhalten. Frei nach dem Motto "Das kann doch nicht wahr sein !" Und dann hätten wir genau DIE Diskussion im Land, die wir (und all die missbrauchten Kinder) unbedingt brauchen !
LLotti



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3. Sperrung von Internet-Seiten
Danke für diesen wunderbaren Artikel.



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4. Guter Artikel
Bravo, Herr Beuth! Was unsere Politiker da vorhaben, hilft den Betroffenen keineswegs. Man stelle sich nur mal vor, die Feuerwehr wird zu einem Waldbrand gerufen. Aber anstatt zu löschen, werden rings um den Brand nur Warnschilder aufgestellt, die Feuerwehr fährt wieder nach Hause und läßt den Wald abfackeln.

Es ist definitiv an der Zeit, daß wir unseren Volksvertretern klarmachen, daß solche Placebo-Gesetze, deren Nebenwirkungen bereits jetzt erschreckend klar deutlich werden, eben nicht im Sinne des Volkes sind. Für dieses Gesetz gibt es nur einen passenden Ort: Am Boden eines Mülleimers!

Deswegen: Jetzt die Petition mitzeichnen!

gez. Einer der 70.000



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5. OpenBook - BundesKriminalAmt veröffentlicht zu sperrende Websites
....wie wäre es künftig, wenn die bislang laut Gesetzentwurf unter Verschluss gehaltenen zu sperrenden Links für die Öffentlichkeit in einem Wiki öffentlich im Netz zur Verfügung ständen.

Die offene Gesellschaft - wir sind noch weit davon entfernt, jedoch habe bessere Chancen denn je, dies heute bereits umzusetzen.

Gruß

Ralf Lippold



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