Podgorica. Fest steht, dass der Herr Bürgermeister sich ungern sagen lässt, wo er parken darf. Sonst allerdings ist an der Geschichte, von der ganz Montenegro spricht, das meiste unklar. Eines Abends, als der mächtige Bürgermeister der Hauptstadt Podgorica, Miomir Mugosa, seine Karosse wieder ungeniert im Halteverbot auf dem Boulevard abstellte, sprangen jedenfalls plötzlich zwei Männer herbei. Mugosa und sein Sohn wollen einen Schreck bekommen haben, was sich nicht ganz widerlegen lässt. Jedenfalls schlug Mugosas Sohn heftig zu.
Verwandtschaft ist wichtig
Die beiden Männer aus dem Dunkeln entpuppten sich als ein Zeitungsredakteur und sein Fotograf, die den prominenten Falschparker stellen wollten. Unstrittig ist, dass der Fotograf schwere Blessuren davontrug. Strittig ist, ob nur eine Seite zuschlug. Geklärt werden solche Fragen normalerweise von Gerichten. Mit denen aber ist es in Montenegro so eine Sache.
Der Untersuchungsrichter, der mit dem Fall betraut wurde, ist ein Bruder des Fahrers von Aco Djukanovic. Diesem wiederum gehört die wichtigste Bank des Landes; die Frau des Richters arbeitet dort als Sekretärin. Aber auch Aco Djukanovic hat wichtige Verwandtschaft. Seine Schwester betreibt eine Anwaltskanzlei und vertritt, wie sie stolz verrät, 80 Prozent aller ausländischen Investoren.
Beider gemeinsamer Bruder Milo ist seit knapp 20 Jahren mal Parteichef, mal Präsident und mal, wie zurzeit wieder, Premierminister und ein Parteifreund des Bürgermeisters. Es kam, wie es bei so guten Beziehungen kommen muss: Auf die Anzeige der Journalisten folgte die Gegenanzeige des Bürgermeisters. Sein Fahrer soll jetzt eine Gehirnerschütterung erlitten haben. Dem Journalisten droht eine saftige Geldstrafe - wer die Mächtigen kritisiert, landet hier schnell vor Gericht und das wird meist teuer. Einst in Jugoslawien wurde über die montenegrinischen Familienverhältnisse gespottet. Heute steht das Land von der Größe Luxemburgs an der Schwelle zur EU.
Die Rangelei auf dem Boulevard von Podgorica füllt nicht nur ganze Zeitungsseiten in Montenegro. Sie ist auch Thema in allen Botschaften, bei der EU-Kommission, bei der OSZE-Mission, in Brüssel und in Wien. Die Opposition lässt sich die Chance nicht entgehen. Es gebe "Zeichen für den Übergang zur offenen Diktatur", meint der Politologe Milan Popovic, der aufgeregte Interviews gibt. Gegenstrategien will er "bei Jesus Christus und Mahatma Gandhi" entlehnen, angesagt sei der "tägliche Aufstand".
Nimmt man die EU-Kriterien ernst, hat das kleine Land schlechte Karten. Die Verwandten und Freunde des Premierministers sind mit Privatisierungen und dem staatlich orchestrierten Zigarettenschmuggel der 1990er Jahre reich geworden. Wer etwas zu sagen hat, ist in der "Demokratischen Partei der Sozialisten". Wer etwas werden will, tritt ihr bei. Die Montenegriner lassen es sich gefallen - meistens.
In Cetinje allerdings, einer Kleinstadt eine halbe Autostunde von Podgorica, streiken seit dem Ende der Ferien die Schüler des Gymnasiums, weil ihr beliebter Direktor einem Parteimann weichen soll. Oppositionelle Blätter werten den unpolitischen Protest als "Funken", der das ganze Land entzünden könne.
Seit das Land sich um den EU-Beitritt bewirbt, wird alles, was geschieht, wie unter einem Mikroskop hundertfach vergrößert. "In größeren Ländern sprechen wir immer abstrakt von Strukturen, von Problemen wie Korruption, Vetternwirtschaft, organisierter Kriminalität - und wir schauen von ferne darauf", sagt eine westliche Diplomatin. "Hier aber hat jedes dieser Probleme Namen und Anschrift." Die Regierenden in Podgorica fühlen sich in der Falle: Wann immer in dem vielfach verwandten und verschwägerten Land geschoben, vertuscht und abgesahnt wird, kabelt irgendein ein Botschafter nach Hause. Und die Oppositionellen rennen den fremden Diplomaten, die ständig in der Presse stehen, die Tür ein. Jeder Diplomat muss sich fragen lassen, auf welcher Seite er steht. Die OSZE-Mission, geleitet von einer Rumänin, gilt als regierungsfreundlich, ebenso die EU-Leute. Amerikaner und Deutsche gelten als regierungskritisch. Sogar die sexuelle Orientierung zweier westlicher Botschafter wurde ausführlich diskutiert - als gäbe es eine schwule Verschwörung gegen den Kleinstaat.
Geschäftsidee Schmuggel
Verhältnisse wie in Liechtenstein, und eine Rhetorik wie in Afghanistan: Das Zusammentreffen beider Übel droht dem kleinen Land beim EU-Beitritt zum Verhängnis zu werden. Besonders heftig spürt das Europa-Ministerin Gordana Djurovic, die täglich mit den zahlreichen Aufpassern über alle möglichen Vorkommnisse diskutieren muss. Beim Wort "Zigarettenschmuggel" etwa geht Djurovic regelrecht an die Decke.
"Wissen Sie eigentlich, was wir damals durchgemacht haben?", ruft die Professorin aus. "Was hätten wir tun sollen? Es gab nicht einmal Babynahrung unter dem Embargo!" Fast zehn Jahre ist es schon her, dass die Balkanrepublik auf internationalen Druck hin ihre beste Geschäftsidee begrub. Jahrelang waren hier mit behördlichem Segen ganze Schiffsladungen Tabak umgepackt und dann zum Schmuggel auf die hohe See geschickt worden.
Offiziell hat Europa den Montenegrinern verziehen. Aber vergessen wird das nicht so leicht. Schließlich kommt dieses kleine Land im Westen nur alle paar Jahre einmal in die Zeitung.