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09. Februar 2010
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Harrisburg

Noch immer knattert der Geigerzähler

VON DIETMAR OSTERMANN

Ganz hinten in der Ecke steht im Büro von Robert Reid leicht angestaubt ein altmodischer Metallkasten. Das Ding sieht aus wie ein Transistorradio und knattert auch so. Alle paar Sekunden zuckt die Nadel. Der Geigerzähler im Büro des Bürgermeisters von Middletown gehört zu den wenigen Dingen, die in der kleinen Stadt im Herzen Pennsylvanias noch an den 28. März 1979 erinnern, jenen Tag, an dem sich unten am Susquehanna-Fluss der bis heute schwerste Atomunfall in einem westlichen AKW ereignete.

"Lange her", nickt Reid. Auf seinem Terminkalender ist der 28. März heute ein weißer Fleck, aber er wird den Tag wohl nie vergessen. Schon damals, vor 30 Jahren, war er ehrenamtlicher Bürgermeister von Middletown. Morgens um halb acht steht der Geschichtslehrer Reid vor seiner Klasse, als es an der Tür klopft: ein Anruf, es habe da im Atommeiler unten am Fluss einen Zwischenfall gegeben. Genaues ist nicht zu erfahren. Also geht Reid in sein Büro und schaltet den Fernseher ein. Keine drei Kilometer vor der Stadt, weiß er, liegt auf Three Mile Island wie ein gewaltiger Dampfer das nagelneue Kraftwerk im Fluss. Viele sind stolz auf den Meiler. "Ein Atomkraftwerk", sagt Reid, "war damals ja etwas ganz Modernes, wie heute das Internet. Und wir hatten eins!"

An jenem Tag zappt der Bürgermeister nervös von einem Kanal zum nächsten. Mal heißt es, der Unfall sei harmlos, es sei keine Strahlung entwichen. Dann ist von kleinen Mengen Radioaktivität die Rede, von einem schweren Störfall, von Verletzten. Reid beschleicht ein ungutes Gefühl. Was ist zu tun? Die Stadt räumen?

Wie knapp Middletown an einem amerikanischen Tschernobyl vorbeigeschrammt ist, wird auch Reid erst später klar. Zwei Tage nach dem Unfall soll er plötzlich Kleinkinder und schwangere Frauen evakuieren. Er steht an einer Straßenkreuzung und sieht zu, wie seine Stadt die Flucht ergreift. Den offiziellen Beschwichtigungen glaubt niemand mehr.

Auch Tom Kauffman erinnert sich an eine aufregende, hektische Zeit. Kurz vor halb sieben erscheint der junge Nuklear-Ingenieur, damals 25 Jahre alt, am Unglückstag zur Arbeit. "Ich habe sofort gemerkt, dass etwas Ernsthaftes passiert ist", erinnert er sich. Es gebe da ein Problem mit Reaktor Nummer zwei, mehr erfährt er zunächst nicht. Im Kontrollraum versucht die Nachtschicht noch immer fieberhaft, die verwirrenden Vorgänge im überhitzten Meiler zu verstehen. Messinstrumente sind ausgefallen, der Reaktorkern ist demoliert, ein Teil der Brennelemente geschmolzen. Eine erste Wasserstoffexplosion ist durch den vier Meter dicken Betonmantel bis in den Kontrollraum zu spüren. Die Ingenieure ahnen nicht, dass der Kühlkreislauf unterbrochen ist, weil die Anzeigetafel falsche Angaben liefert. Ein Ventil, das geschlossen sein müsste, klemmt. Es ist eine Kettenreaktion aus Konstruktionsmängeln, technischen Pannen und Bedienungsfehlern, die sich da zum Beinahe-GAU summiert - und das stolze Kraftwerksschiff im Susquehanna-Fluss an diesem Morgen beinahe in die Luft jagt.

"Sie haben damals geglaubt, es könne nichts schiefgehen", sagt Kauffman über die Atomzunft, "es war für uns alle ein gewaltiger Weckruf." Auch 30 Jahre später freilich sind in den USA die Lehren aus dem "Störfall" auf Three Mile Island umstritten. Kauffman hat seinen Glauben an die atomare Zukunft nie verloren. Er arbeitet heute beim Nuclear Energy Institute, dem Lobbyarm der Atombranche in Washington. Ein Unfall wie damals, glaubt er, könne heute nicht passieren: "Wir haben unsere Lektion gelernt. Sicherheit ist jetzt das oberste Gebot."

Kauffman rattert Statistiken herunter, die belegen sollen, dass es inzwischen gefährlicher ist, in einem Supermarkt zu arbeiten als in einem AKW. Er hält Umfragen parat, wonach die lange skeptischen Menschen im Land mehrheitlich wieder "Pro-Atom" sind. Die Leute, sagt Kauffman, hätten einfach gesehen, dass Atomkraftwerke heute viel zuverlässiger seien. Dann ist da noch das neue Image: Die Branche präsentiert sich gern als patriotisch, grün und klimafreundlich - weil in Atommeilern keine Treibhausgase freigesetzt werden. Und weil man für Nuklearstrom keine Kriege führen muss wie um das Öl.

Seit George W. Bush die Atomkraft vor acht Jahren zu einem wesentlichen Pfeiler seiner Energiepolitik machte, hofft die Nuklearindustrie auf einen zweiten Frühling. Schon bald, prophezeit Lobbyist Kauffman, würden auch wieder neue Atomkraftwerke in den USA gebaut. Es wären die ersten seit dem schweren Unfall.

Genehmigungsverfahren für Meiler der dritten Generation laufen, 17 Unternehmen haben Bauanträge gestellt. "Vier bis acht Kraftwerke", sagt Kauffman, "werden in einer ersten Welle ab 2016 ans Netz gehen." Derzeit liefern die 104 Reaktoren im Land rund 20 Prozent des US-Stroms.

Eric Epstein winkt ab: "Wenn sie unter Bush kein Atomkraftwerk bauen konnten, werden sie es unter Barack Obama auch nicht können." Epstein ist Chef der atomkritischen Gruppe "Three Mile Island Alert", dem Überrest der einst stattlichen Protestgemeinde in der Region. Aus Anlass des Unfalljubiläums sollte Epstein eigentlich mit einem Industrievertreter über die Zukunft der Atomindustrie debattieren. Die Branche aber hat keinen Vertreter geschickt. So streitet Epstein mit dem Atomkritiker Jerry Taylor nur über die Gründe, warum es die Atom-Renaissance in den USA nicht geben werde. Ohne massive Subventionen sei Atomstrom schlicht nicht konkurrenzfähig, sagt der Marktradikale Taylor. Kein Investor, der bei Trost sei, werde mit den Baukosten von sechs bis neun Milliarden Dollar ins Risiko gehen, um neue Meiler zu errichten, ergänzt Epstein. Zudem ist er sicher, dass sich neue Standorte auch drei Jahrzehnte nach der Beinahe-Katastrophe nicht durchsetzen lassen.


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Dokument erstellt am 26.03.2009 um 16:40:03 Uhr
Letzte Änderung am 27.03.2009 um 13:59:14 Uhr
Erscheinungsdatum 27.03.2009
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