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09. Februar 2010
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Interview mit Autor Kevin Brooks

"Gewalt ist elementar"

Mr. Brooks, Sie haben gerade den deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. In der Begründung der Jury hieß es, Sie setzten sich ungewöhnlich offen mit Gewalt auseinander. Zu offen, finden manche Kritiker.

Wenn ich über Gewalt schreibe, dann will ich sie zeigen, wie sie ist: glanzlos, dumpf, scheußlich, nicht wie die Kämpfe im Kino. Aber Gewalt ist ein elementarer Teil des Universums. Unsere ganze Geschichte basiert auf Krieg und Gewalt. Außerdem fasziniert mich dieses Thema, weil ich ein völlig gewaltfreier Mensch bin. Warum komme ich ohne Gewalt zurecht, während andere gewalttätig sind?

Ihre Antwort?

Zur Person
Kevin Brooks, geboren 1959 in Pinhoe (England), zählt zu den Stars der Jugendliteratur-Szene. Für seinen Roman "Road of the Dead" wurde er gerade mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Seine Romane handeln von jungen Außenseitern. Realitätsnah beschreibt er ihr Leben im Umfeld von Gewalt, Drogen und Sex. (boh)
Es geht darum, wie ein Mensch aufgewachsen ist. Ich habe die Struktur von Banden, die sich nach 1900 in Chicago gebildet haben, mit heutigen Jugendbanden verglichen. Sie sind einander erstaunlich ähnlich, nur benutzte man damals keine Gewehre und stahl Früchte statt Computer. Viele Mitglieder sind ohne Vater aufgewachsen. Ihnen fehlen Liebe, Fürsorge und Verbundenheit - das bekommen sie in ihrer Bande.

Woher wissen Sie als gewaltloser Mensch wie Gewalt wirklich ist?

Als Jugendlicher spielte ich in einer Punkband. Einige von uns hatten Spaß daran, zu provozieren. Ich mochte das nicht, aber ich gehörte eben dazu. Einmal gingen wir in einen Pub, vor dem Motorräder standen. Der Laden war voll mit Rockern von den Hells Angels. Die haben dich zusammen geschlagen, einfach weil du einen Irokesenschnitt und Make-up hattest. Ich habe Leute gesehen, die wirklich übel zugerichtet waren.

Können Sie trotzdem nachvollziehen, wenn Jugendliche zur Waffe greifen und in Schulen um sich schießen?

Es ist nicht neu, dass Schüler Zugang zu Waffen haben und diese einsetzen. Kämpfen ist ein Ur-Gefühl und gerade junge Menschen beziehen sich auf elementare Gefühle. Sie provozieren bewusst Konflikte und lernen so, welches Verhalten falsch ist. Durch die Medien - nach einer solchen Tat kommen ja sofort Kamerateams und berichten - wird das Verhalten von Jugendlichen jedoch auf neue Weise beeinflusst.

Und zwar?

Medienberichte können den Impuls zum Handeln auslösen. Hinzu kommt, dass heute jeder berühmt und bekannt sein möchte. Wenn du ein totaler Außenseiter bist, keine Freunde hast und die Menschen dich nicht mögen, dann hast du vielleicht nur die Chance, durch eine schreckliche Tat berühmt zu werden. Und du weißt, es wird anschließend Websites und Blogs geben, auf denen über dich gesprochen wird - auch wenn du tot bist.

Und dann gibt es Nachahmer?

Genau! Das Phänomen der "cluster-suicides" besagt: Wenn sich eine Person in einer Gegend oder Schule umbringt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in dieser Region, der sich auch deprimiert fühlt, dem Beispiel folgt. In Wales gab es eine Häufung von Suiziden in einer bestimmten Region - scheinbar ohne Zusammenhang. Erst nachdem die Medien nicht mehr darüber berichteten, hörten die Suizide auf.

Aber die Medien können solche Taten doch nicht verschweigen!

Nein. Und selbst wenn die Medien ihre Berichte einstellen, das Internet ist nicht zu kontrollieren.

Haben Sie keine Angst, mit Ihren Büchern Impulsgeber zu sein?

Wenn man so denkt, wird es schwierig. Dann zensiert man sich selbst. Aber ich finde auch, dass man Jugendliche nicht unterschätzen sollte: Viele können ganz klar zwischen Realität und Fiktion trennen.

Interview: Andrea Pollmeier


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Dokument erstellt am 23.10.2009 um 17:34:07 Uhr
Letzte Änderung am 23.10.2009 um 19:48:30 Uhr
Erscheinungsdatum 24.10.2009 | Ausgabe: d
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