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09. Februar 2010
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Björn Ulvaeus

"Ein in jeder Hinsicht perverses Angebot"

Björn Ulvaeus über den perfekten Popsong, Abbas Ärger mit Schwedens Steuergesetzen und seinen aktuellen Coup.
Mr. Ulvaeus, welcher ist der in Ihren Ohren perfekte Popsong?

(überlegt) "When You Walk In The Room" von Jackie DeShannon ist jedenfalls nahe dran. Da stimmt fast alles, dabei war die Nummer ursprünglich nur eine B-Seite und wurde auch erst durch die deutlich schwächere Searchers-Version zum Hit.

Was genau fühlen Sie, wenn Sie ihn hören?

Ganz ehrlich? Puren Neid! (lacht) Seit ich dieses Lied Anfang der 60er zum ersten Mal hörte, denke ich: Verdammter Mist, warum ist mir das nicht eingefallen? Es ist so unglaublich schwerelos und erhebend, dass nicht einmal "Mamma Mia" oder "S.O.S." mitkommen.

Ihnen selbst ist das perfekte Lied also noch nicht gelungen?

Wir waren ein paar Mal nahe dran, denke ich, aber ich würde das nie behaupten. Obwohl: Ich saß vor einigen Jahren mal in einem New Yorker Restaurant, als plötzlich Pete Townshend an meinen Tisch trat und sagte: "Ich wollte Ihnen nur eben sagen: ,S.O.S.' ist der beste Popsong, der jemals geschrieben wurde."

Sind Sie je Gene Simmons von Kiss über den Weg gelaufen - nach eigener Aussage Ihr größter Fan?

Nein. Sie scherzen, oder?

Ganz und gar nicht.

Schräg. Ich finde Abba-Fans in den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und an den überraschendsten Orten. Übrigens auch schon zu jener Zeit, in der es absolut uncool war, uns zu mögen und man Abba-Platten nur im stillen Kämmerlein spielte, vor seinen Freunden aber versteckte. Wir gastierten eine Woche im Londoner Wembley Stadium, und eines Abends stand Jimmy Page von Led Zeppelin neben mir. Zu hören, dass diesem Künstler, der von Anfang bis Ende kompromisslos seinen eigenen Weg gegangen ist, unsere Musik offenbar etwas gab, erfüllte mich wirklich mit Stolz und tiefer Genugtuung. Aber Kiss sind so ziemlich die Allerletzten, die ich in dieser Riege erwartet hätte.

Da Sie gerade Led Zeppelin erwähnen: Nach deren jüngster Reunion wendeten sich einmal mehr alle Köpfe gen Stockholm mit der Frage: Wann folgen Abba, die letzte Bastion des Widerstands gegen den Zeitgeist? Außer Ihnen ist kein Superstar übrig, der nicht früher oder später zurückgekehrt wäre.

Ist das so?(überlegt) Mein Gott, Sie könnten tatsächlich Recht haben.

Warum also nicht auch Sie?

Ich denke, dass Led Zeppelin im Gegensatz zu uns einen gewichtigen Grund gehabt haben - und der hat gewiss nichts mit gigantischen Gagen zu tun: Sie mussten nach den beiden unterirdischen Auftritten zuvor richtig stellen, dass sie das alte Feuer noch in sich tragen und keine schlaffen alten Säcke sind. Allem Anschein nach macht es ihnen ganz einfach wieder Spaß, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Sie können sich sicher sein: Uns werden Sie in keiner Konzerthalle mehr sehen. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Können Sie sich rein hypothetisch einen Grund vorstellen, der Sie vier doch umstimmen könnte?

Es müsste ein musikalischer sein, und den sehe ich weit und breit nicht. Es ist keineswegs so, dass uns persönliche Differenzen an so etwas hindern. Im Gegenteil, wir verstehen uns nach wie vor verblüffend gut, wenn man bedenkt, was am Ende der aktiven Zeit alles passiert ist. Auch spielerisch wären wir wohl in der Lage, nahe an damalige Standards heranzukommen. Aber: nein danke. Allein der Gedanke langweilt Benny und mich. Er hat seine Spaßband, mit der er unterwegs ist, und ich habe meine Familie. Sie glauben nicht, wie unterhaltsam Enkel sind.

Dann sind Sie heute in der Hauptsache Privatier?

Und Geschäftsmann, ja. Ein sehr glücklicher obendrein, weil ich nur noch tue, wozu ich Lust habe.

Es stimmt also, dass man Ihnen im Jahr 2000 eine Garantiesumme von einer Milliarde Dollar für eine 100 Konzerte umfassende Tour anbot und Sie ablehnten?

Ja, das ist wahr. Ich hielt die Geschichte anfangs für einen dummen Scherz, aber sie stimmt.

Weshalb lehnten Sie ab?

Es war einfach zu viel: zu viel Gage, zu viel Arbeit, zu viel Stress. Es war ein in jeder Hinsicht perverses Angebot. Wir hätten es lediglich des Geldes wegen getan, und das wäre falsch. Wir verordneten uns vor 27 Jahren eine unbestimmte Pause, und jetzt ist es zu spät.

Im Grunde sind Sie ja einen viel genialeren Weg gegangen, indem Sie mit "Mamma Mia!" ein weltweit enorm erfolgreiches Musical mit Ihren Hits kreiert haben. Täglich sehen es etwa 18.000 Menschen ...

Verdammt, Sie haben uns erwischt! (lacht)

Verdienen Sie damit eigentlich mehr als damals an den Platten?

Soweit ich informiert bin, hält es sich etwa die Waage. Ich habe die Zahlen nie verglichen, und ich werde mich auch künftig davor hüten.

Wieso?

Weil ich in Depressionen verfallen würde. Das sind abstrakte Größen, die ich längst nicht mehr spüre. Ich weiß auch nicht genau, was sich auf meinen Konten befindet und wie viel täglich dazu kommt; ich mag die ganzen Nullen gar nicht sehen. Ich habe sogar extra veranlasst, dass mein Girokonto nie einen gewissen Betrag übersteigt. Solch immenser Reichtum entleert die Existenz, sobald man das alles an sich heran lässt. Wir verkaufen noch heute etwa 3000 Alben pro Tag. Total irre.

Was treibt einen wie Sie, der alles hat, morgens noch aus dem Bett?


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Dokument erstellt am 01.02.2009 um 17:40:02 Uhr
Letzte Änderung am 02.02.2009 um 09:08:57 Uhr
Erscheinungsdatum 02.02.2009
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