Mit dieser Einsicht freilich scheinen sich ausgerechnet Planer schwer zu tun; der Wiener Baumeister Hermann Czech hat das einmal so ausgedrückt: "Vor fünfzig Jahren war man davon überzeugt, dass moderne Architektur die Tuberkulose heilen könne; und da die Tuberkulose tatsächlich verschwunden ist, glauben Architekten sich jetzt zur Lösung umfassenderer Probleme berufen."
Entsprechend blauäugig sind städtebauliche Integrationsansätze, die einem Bild von urbanem Leben aufsitzen, das typischerweise bestimmte soziale Schichten, Milieus und Lebensstile anspricht und vor allem das lustvolle Flanieren im öffentlichen Raum meint. Doch das setzt in der Regel eine sozial und materiell einigermaßen gesicherte Position voraus. Das Bild der "beiläufigen Begegnungen" geht zudem assoziativ mit einem eher ruhigen Verhalten, eventuell mit einem Gespräch einher, was ebenfalls mehr den Kulturen der gebildeten Mittelschichten entspricht, nicht aber proletarischen oder migrantischen Bevölkerungsgruppen.
Das aber ist noch kein Totschlag-Argument gegen jedwede Planung. Man muss sich doch nur die realen Alternativen vor Augen führen: Denn in der Gated community, im idyllischen Stadtrandviertel oder in Suburbia findet sich vornehmlich das, was funktional den Bedürfnissen der Mittelklasse nach Eigenheim, Einkaufscenter und einem angeblich naturnahen Umfeld entgegen kommt, aber bestimmte städtische Eigenschaften nicht mehr aufweist.
Es ist keine Polemik, wenn man konstatiert, dass die meisten Deutschen auf Theater, Konzert und Qualitätskino ohnehin verzichten können. Gesellschaftlich bedeut-sam ist, dass ihre Bewohner die Unwägbarkeiten des öffentlichen Raums hier augenscheinlich nicht auszuhalten brauchen. Die Konfrontation mit Fremden, die Anonymität, die Unsicherheit, wie man sich verhalten soll, also all das, was seit je her den großstädtischen Raum prägt - und mitunter auch schwer erträglich macht -, all das gibt es hier nicht. Die wichtigen Aktivitäten stehen hier also unter der Prämisse des Privaten. Öffentlichkeit ist nur etwas Komplementäres, das man dosiert, indem man es sich hin und wieder in der Stadt abholt. Und das ist keinesfalls ein akzeptabler Zukunftsprospekt.
Im Zeitalter von Internet und ICE mag für manchen vor der Haustür nicht mehr ein Stadtviertel liegen, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Für viele aber, die aufgrund fehlender sozialer und materieller Ressourcen in ihrer räumlichen Mobilität stark eingeschränkt sind, stellt das Wohnquartier nach wie vor die wesentliche Chance auf gesellschaftliche Teilhabe dar. Und wie die Minarette - im Negativen - offenbaren, hat die Stadtgestalt daran einen mehr als bloß marginalen Anteil.
Der Autor ist Leiter der Abteilung Bauen, Wohnen, Architektur des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (Bonn/Berlin).


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