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Literatur

Überdosis Realität

VON BARBARA VON BECKER

Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen. Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben. Ich habe auch schon einen Titel: ,Die Geschichte einer hirnlosen rothaarigen Frau, die noch leben würde, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte.'"

Mit diesen lapidaren Sätzen lässt die 30-jährige, im russischen Jekaterinburg geborene Autorin Alina Bronsky ihren Roman beginnen. "Scherbenpark" ist ihre erste literarische Veröffentlichung und hat es, als unverlangt eingesandtes Manuskript, sofort zum Spitzentitel des Herbstprogramms ihres Verlages gebracht. Verdient!

Alina Bronsky hatte ihre Kindheit in der Stadt im Ural-Gebirge verbracht, bevor sie in Marburg und Darmstadt aufwuchs, ein Medizinstudium abbrach, als Texterin in einer Werbeagentur und als Redakteurin bei einer Tageszeitung arbeitete. Es ist zu vermuten, dass die Autorin einiges aus der Gefühlswelt und den Erlebnissen ihrer Heldin aus eigenen Anschauungen kennt.

Sascha ist siebzehn und lebt mit ihrer vierjährigen Schwester, dem neunjährigen Bruder und einer entfernten sibirischen Tante in einem Aussiedler- und Hartz-IV-Ghetto am Rande Frankfurts. Sie war mit ihrer Mutter und deren Mann Vadim aus Moskau nach Deutschland gekommen. Die hochbegabte Sascha wird von einem katholischen Elite-Gymnasium aufgenommen, ein soziales Umfeld, das in keinem größeren Gegensatz stehen könnte zu den Nachbarn im "Solitär", wie das abgeratzte Hochhaus im Scherbenpark genannt wird, in dem sie wohnt. Viel zu spät, in den Augen der Tochter, wirft die Mutter, eine ehemalige Schauspielerin, die "mindestens ein dickes Buch pro Woche gelesen" hatte, den ewig betrunken randalierenden Vadim vor die Tür und tröstet sich mit einem sanftgutmütigen, jungen deutschen Mann. Das Leben scheint für kurze Zeit in glückliche Bahnen zu geraten, bevor Vadim seine Exfrau und deren Freund in der Wohnung vor den Augen ihrer Kinder erschießt.

Es ist eine durchaus kontrollierte, kopfgesteuerte Wut, mit der Alina Bronsky ihre Ich-Erzählerin Sascha über die Geschichte ihrer Familie räsonieren lässt. Kühl und rational entwirft sie Szenarien, wie sie den verhassten Vadim für seine Tat büßen lassen wird. Was die Ermordung der Mutter in ihr angerichtet hat, versteckt sie hinter der ironisch-coolen Altklugheit eines Teenagers, der das Leben und die Menschen zu kennen glaubt.

Wie schnell diese Fassade Risse bekommen kann, zeigt sich, als sie in der Zeitung ein sentimentales Gefängnis-Interview mit dem verurteilten Vadim liest. Sie will die Journalistin, die den naiv-menschelnden Text geschrieben hat, in der Redaktion aufsuchen. Zu ihrer Überraschung wird sie vom Ressortleiter persönlich empfangen, der sich bei ihr in aller Form entschuldigt.

Er ist wohl der erste Erwachsene in Saschas Leben, der sie mit so ernsthafter Höflichkeit behandelt, sich in ihre Gefühlswelt hineinversetzt, echte Anteilnahme demonstriert. Sascha bekommt nicht nur leise Zweifel, ob ihre Rolle als russischer Racheengel wirklich die einzige Zukunftsperspektive sein sollte, sie nimmt kurz entschlossen auch die angebotene Hilfe des Redakteurs an und flüchtet für ein Wochenende in dessen Bad-Sodener Bürgerwelt, die sich aber keineswegs als Idylle herausstellt.

Hier verliert die Geschichte etwas den kessen Schwung der ersten hundert Seiten, wirkt die dramaturgische Konstruktion ein bisschen absichtsvoll. Aber kaum ist Sascha wieder in ihr Hochhaus zurückgekehrt, zu der temperamentvollen kleinen Schwester, dem ängstlichen Bruder, der dicken, gemütvollen sibirischen Maria, den herumlungernden testosterondampfenden, tätowierten Möchtegern-Machos, den trägen Mädels in Miniröcken über dicken Schenkeln, in deren Kopf einfach kein Mathe reinpassen will, hier in diesem Ghetto von gestrandeten, stigmatisierten Menschen ohne Kraft und Zukunft, spürt man umso deutlicher Saschas Aufbegehren, die Energie ihrer ebenso zornigen wie reflektierten Entschlossenheit, die sie so grundlegend von den anderen unterscheidet.

Trotz der Überdosis Realität, die sie und ihre Geschwister schon als Kinder vom Leben verpasst bekommen haben, ist Sascha jeder Zynismus fremd. So knallhart abgebrüht sie sich auch geben will, es scheint das wissende Verständnis für die Bedrängnis und das Unvermögen der anderen durch. Und nicht zuletzt ihre eigene Verletzlichkeit gerade auch dann, wenn sie die Welt anschreit: "Ich will etwas spüren. Jetzt." - und im Dunklen auf ihren Rollerblades einen Autounfall provoziert.

Trotz des drastisch beschworenen Milieus gerät Alina Bronskys "Scherbenpark" nie in Gefahr, in der literarischen Schublade "pittoreskes Unterschichtsdrama" zu landen. Saschas Geschichte verbindet vielmehr das klassische Adoleszenzthema samt erster Gefühlsverwirrung, das Außenseiter- und Glückssuchermotiv mit beeindruckend sozialkritischen Studien zu unserer aktuellen europäischen Wirklichkeit von Menschen mit dem vielzitierten Migrationshintergrund.

Das macht die Autorin mit soviel nonchalant charmanter Chuzpe, in einem mal rotzigen, mal sensiblen Ton, mit Ironie und Komik, dass man für das weitere Schicksal Saschas sowie die literarische Zukunft ihrer Autorin nur das Beste annehmen kann.

Alina Bronsky: Scherbenpark. Roman. >Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 287 S., 16,95 Euro.


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Dokument erstellt am 02.09.2008 um 16:28:12 Uhr
Letzte Änderung am 02.09.2008 um 16:56:18 Uhr
Erscheinungsdatum 03.09.2008
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