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09. Februar 2010
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Architektur

Neues Museum Berlin

Raum für Raum

David Chipperfields Wiederherstellung des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel ist eine Großtat der Synthese. Kein Raum, der sich neutral verhielte, weder zu den Kunstschätzen, noch zur Geschichte.
VON CHRISTIAN THOMAS

Im Alter von rund 150 Jahren ging der Geist der Neuerung in diesem Haus auch zuletzt ein und aus. Er legte Böden und Decken wieder frei, exponierte Säulen, inszenierte das Treppenhaus wie nie zuvor. Der Geist reparierte Türen und Fenster, sicherte, barg - und musste vorm Unwiederbringlichen kapitulieren. In neuen Anläufen aber ließ er verloren Geglaubtes wieder zum Vorschein kommen, damit jedoch alles andere als eine Ästhetik des Schönen. Denn Fresken treten so gut hervor wie auch Risse, Altersspuren, Narben. Kein Raum in dem erneuerten Neuen Museum, der sich neutral verhielte, weder zu den Kunstschätzen, die er bald wieder aufnehmen wird, noch zur Geschichte.

Mit der Rückkehr der Erneuerung war ein jahrelanger Kampf verbunden, für den Architekten David Chipperfield war es einer um ein historisch begründetes Prinzip: Vergegenwärtigung der Weltgeschichte, wie sie der Zweite Weltkrieg als Wunde in dieses Haus schlug, den Baukörper als Torso zurücklassend. Chipperfield hat jetzt beides gerettet, Teile des Torso gesichert, und den Baukörper, mit all seinen Narben und in seinem strahlenden Glanz zurückgewonnen.

Und er strahlt nicht allein wegen seiner hellen, von aufrecht stehenden Fenstern rhythmisierten Sandsteinfassade. Um der Vergegenwärtigung der Geschichte gerecht zu werden, der Wiederherstellung der Natursteinfassaden, der Wiederaufrichtung von Ziegelwänden, in denen Betonbänder die Verluste des Ursprünglichen markieren, hat der britische Architekt dem Neuen Museum zwölf Jahre lang, seit 1997, eine "archäologische Wiederherstellung" gewidmet. Zur Wiederherstellungsgeschichte gehört, dass zunächst Giorgio Grassi, dann Frank Gehry ins Spiel kam, schließlich wurde Chipperfield beauftragt, das Hauptwerk Friedrich August Stülers zu retten, eine seit Jahrzehnten dem Verfall ausgesetzte Kriegsruine, denn was die DDR verkommen, als Verwaltung und Werkstatt nutzen ließ, was seit 1987 nicht mehr als "Schandfleck" abgetan, sondern mit Notsicherungsmaßnahmen gestützt wurde, ließ sich nach der Wende in seiner dramatischen Bedürftigkeit in Augenschein nehmen.

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Das Neue Museum

Von heute an ist das Neue Museum drei Tage lang geöffnet. Keine Schlüsselübergabe auf der Berliner Museumsinsel wurde mit vergleichbar großer Spannung erwartet. Erstmals seit der Sanierung kann sich die Öffentlichkeit von einem der bedeutendsten Bauwerke des 19. Jahrhunderts, das im Krieg schwer
zerstört wurde, wieder ein Urteil bilden. Das Haus, eines der Hauptwerke des Architekten Friedrich August Stüler (1855 eingeweiht), wurde von dem Briten David Chipperfield restauriert. Mit der Rückkehr der Büste der ägyptischen Königin Nofretete ist im Herbst die endgültige Einweihung geplant. Die Gesamtbaukosten liegen bei rund 200 Mio. Euro. Damit wurde der Kostenrahmen von 233 Mio. Euro deutlich unterschritten.

Zur Schlüsselübergabe sind soeben zwei Bücher erschienen. Im Verlag Hatje Cantz ein von Andres Lepik herausgegebenes Buch (96 Seiten, 29,90 Euro). Ferner ist im Verlag E.A. Seemann der Band "Das Neue Museum Berlin. Konservieren.
Restaurieren. Weiterbauen im Welterbe" (240 Seiten, 29,90 Euro) erschienen.
So revolutionär die Konstruktion von Stülers Bauwerk, so innovativ die neue Systematik des Museums, bei dem der Dekor an den Wänden zum Abbild der Anfänge der Museumsdidaktik wurde. Mit der Art, wie in diesem Universalmuseum die europäischen und außereuropäischen Künste präsentiert wurden, hatte sich die Aufklärung auf der Berliner Tempelstadt durchgesetzt. In seiner Gesamtheit entstand ein Museumsparcours, der Hegels Gedankengebäude ernst nahm, seine Ästhetik (und Geschichtsphilosophie) zur Anschauung brachte. Was mit der Antike begann, erst Ägypten, dann Griechenland, kam nicht nur während der Renaissance zur Wiederauferstehung, sondern in den Werken des Klassizismus zur Überhöhung.

Stülers Monument der Moderne


Stülers Monument war zugleich ein Meisterwerk der Moderne, seine Eisenkonstruktionen, seine Gewölbe- und Mauernstruktur bildeten ein Novum, die Küste kamen unter in einem Laboratorium der Innovation, einem Leichtbau auf sumpfigem Grund, und die technische Sensation betraf, neben den Ziegeltöpfen in den Gewölben, ebenso die Bodengestaltung aus Fertigparketten und -mosaiken. All das waren raffinierte Elemente eines Elementarbaus der Moderne, die zum Argument für Chipperfield wurden. Sanierung und Rekonstruktion in der Tradition der Innovation.

Diesen Hybrid ernst nehmend, hat Chipperfield dem Berliner Rekonstruktionsrausch eine Absage erteilt, er ist dafür mit Ressentiments verfolgt worden. Entzündet haben sie sich besonders an der Gestaltung des Treppenhauses. Gemessen am ursprünglichen Zustand, den Schwarz-weiß-Fotografien wachrufen, darunter Abbilder des Wandgemäldes von Wilhelm von Kaulbach, hat Chipperfield den einst bis ins letzte Detail ausstaffierten Raum ausgenüchtert. Was der Klassizismus überfrachtete, auch das zeigen die Fotos, hat Chipperfield aufgeklart.

Weiß dominiert darin eine gewaltige Treppe, gleich einer Skulptur beherrscht Chipperfields Neuschöpfung, für die er Beton aus Weißzement und Marmor verschmolz, Stülers Raumschöpfung. Gerahmt von rohen Ziegelwänden, die mit feiner Schlämme überzogen wurden, zeigen sich auf den vernarbten Wänden Putzreste. Schrundiges zeichnet sich ab wie auf einem wie straff gespannten Gewebe. Im Neuen Museum hat das rissige Grabtuch, das der Krieg über Berlin legte, zu sich selbst gefunden.

Was zu Stülers Zeiten, begleitet vom Geist Hegels, als dreistufiges Periodensystem durch die Menschheitsgeschichte gedacht war, und es war in seiner Totalität gedacht, wird auch zukünftig in einem Vestibül beginnen - und der Schritt über die Schwelle, in die Treppenhalle, ist einer hinein ins Monumentale. Zur Ankunft in der Vergangenheit zählt der Aufstieg, keine Begegnung mit der Vorvergangenheit, darunter der Kopie der Korenhalle des Erechtheion von der Athener Akropolis, ohne die Besteigung von Chipperfields Neuerfindung. Mit ihr wiederholt sich die Geschichte, denn kein Raum, der einem anderen gliche, was sich als Einheit nach außen hin gab und gibt, war und ist im Innern die Einheit aus der Vielheit.


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Dokument erstellt am 05.03.2009 um 16:00:02 Uhr
Letzte Änderung am 27.03.2009 um 10:39:44 Uhr
Erscheinungsdatum 05.03.2009
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