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09. Februar 2010
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Im Nachrichten-Rad

VON UWE VORKÖTTER

The Hub. Das Rad. So nennen es die Kollegen beim Daily Telegraph in London. Oder auch News Hub, das Nachrichten-Rad. Will Lewis, der Chefredakteur des Telegraph, ist der Pionier dieses runden Tisches. Vor zwei Jahren zog seine Redaktion aus den Docklands der Hauptstadt zurück ins Zentrum, an die Victoria Station, in den größten Newsroom eines Zeitungshauses weltweit: 400 Redakteure produzieren dort auf 6200 Quadratmetern den Telegraph und den Sunday Telegraph.

Mittendrin: the Hub, das Rad. Der runde Tisch, an dem die wichtigen Entscheidungen getroffen werden: welches Thema morgen auf der Seite eins steht, welche Nachricht umgehend online zu lesen sein muss, welcher Autor mit dem Leitartikel beauftragt wird...

Die Frankfurter Rundschau ist nicht der Daily Telegraph, der Südbahnhof in Sachsenhausen nicht Victoria Station. Aber der Wandel vollzieht sich in der Zeitungswelt überall nach den gleichen Prinzipien - in London, in Paris, in Chicago, in Frankfurt. Aus Zeitungsverlagen werden Medienhäuser, aus Printredaktionen werden Multimedia-Teams. Die Frankfurter Rundschau bleibt natürlich die Frankfurter Rundschau, aber sie ist zugleich fr-online.de. Sie wird auf Papier gedruckt, aber sie erscheint auch auf dem Laptop und liefert ihre Nachrichten aufs Handy. Sie arbeitet mit Text und Bildern, aber ihr Internet-Angebot umfasst auch bewegte Bilder und Ton. Sie wird jeden Morgen in den Briefkasten gesteckt, aber zugleich ist sie rund um die Uhr elektronisch verfügbar.

Die FR residiert seit einer Woche im Depot Sachsenhausen, in neuen Büros. Sie ist Bestandteil einer ambitionierten städtebaulichen Entwicklung rund um den Südbahnhof. Aber nicht nur das. Vor allem organisiert sie hier zugleich den eigenen Wandel und wird zu einer "konvergenten Redaktion", wie es die Experten nennen. Experten wie Joachim Blum, den Sie auf den Seiten 14 und 15 im Interview lesen können. Blum arbeitet für die Ifra in Darmstadt, ein Forschungs- und Serviceunternehmen für die Medienbranche. Die Darmstädter haben den redaktionellen Wandel beim Daily Telegraph in London begleitet - und jetzt auch den der FR.


(Erste Momentaufnahmen aus dem Sachsenhäuser Depot)

Hinweis: Zum Betrachten des Videos benötigen Sie den Flash-Player, den Sie hier kostenlos herunterladen können.


Konvergente Redaktion, das klingt sperrig. Aber es ist eigentlich ganz einfach: Eine Redaktion, verschiedene Medien. Eine Redaktion, die die Print-Ausgabe herstellt, von der Seite eins bis zur Leute-Seite. Die aber zugleich für die Website verantwortlich ist. Die neben der Tagesaktualität die Minuten-Aktualität des Online-Angebots verinnerlicht. Die nicht nur schreibt und fotografiert, sondern auch Audio-Angebote und Videofilme bereitstellt - zum Beispiel parallel zu dieser Beilage ein Video aus dem neuen Newsroom. Schauen Sie rein, bei fr-online.

Der Newsroom an sich ist nichts Neues. Ihn gibt es seit einigen Jahren als typische Organisationsform von Redaktionen. Vorher war es, jahrzehntelang, etwa so: Die Politikredaktion produzierte in ihren Räumen die Politik-Seiten, das Wirtschaftsressort in seinen Räumen die Wirtschaftsseiten, das Feuilleton sein Feuilleton. Am Abend fanden die Seiten in der Druckerei zueinander und wurden zur Zeitung. Es gibt Blätter, die noch heute so entstehen, man sieht es ihnen leider an.

Ein "Thema des Tages", wie es sich täglich auf den Seiten zwei und drei der FR findet, hält sich nicht an Ressortgrenzen. Politik und Wirtschaft greifen hier ineinander, das Expertenwissen von Wissenschaftsredakteuren ist gefragt, Überregionales und Regionales sind nicht mehr zu trennen. So ähnlich ist es auf der Meinungsseite. Oder auf der Panorama-Seite. Erst recht in einer Tabloid-Zeitung, zu deren Konzept gehört: Großes groß machen, auf mehrere Seiten lange Strecken. Und Kleines klein machen, weil dafür die Kurzmeldung reicht.

Vor etwa zehn Jahren gingen die ersten Blattmacher daran, die räumliche Trennung zwischen den Ressorts aufzuheben und die Redakteure in einen Raum zu setzen - den Newsroom der ersten Generation. Parallel dazu begannen die Verlage, ihre Inhalte auch über das Internet zu verbreiten. Zunächst sehr zögerlich, denn man fürchtete, der Zeitung Konkurrenz zu machen. Auch die Journalisten hielten Distanz zur neuen Welt. "Meine Leute sahen die gedruckte Zeitung als das einzig Wichtige an, alles andere interessierte sie nicht", sagt Will Lewis vom Daily Telegraph. In Deutschland war es nicht anders. Zeitungsredakteure machten Zeitung, sonst nichts. Daneben entstand das Berufsbild des Online-Redakteurs. Anfangs galt er als ziemlich schräger Typ: Ring im Ohr, Maus in der Tasche, technisch versiert, aber ansonsten ahnungslos. Heute ist dieses Bild nur noch anekdotische Erinnerung, Reminiszenz an eine Pionierzeit.

Inzwischen ist dem größten Großverlag und dem kleinsten Kleinverlag klar, dass er das Internet braucht - nicht umgekehrt. Und unter Journalisten setzt sich die Erkenntnis durch, dass es auf den Inhalt der Geschichte ankommt, nicht auf den Verbreitungsweg: egal ob sie auf Papier gedruckt, online gesendet oder in absehbarer Zukunft auf ein elektronisches Lesegerät übertragen wird. Der Newsroom der ersten Generation wird diesen Anforderungen nicht mehr gerecht. Deshalb wird jetzt die zweite Generation realisiert. In der www-Sprache: Newsroom 2.0. Genau darum dreht es sich im FR-Depot.


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Dokument erstellt am 19.02.2009 um 14:16:03 Uhr
Letzte Änderung am 24.02.2009 um 11:20:27 Uhr
Erscheinungsdatum 20.02.2009
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